Herbstfluten - Forum  
07 April 2008, 11:02 *

So schlicht und einfach
Fand sich der Frühling heut ein:
Als Blau des Himmels!

Issa
 

"Herbstfluten" ist ein Kapitel aus dem "Wahren Buch vom südlichen Blütenland" (Nan Hua Zhen Jing) von Dschuang Dsi (Zhuangzi). In diesem Kapitel findet sich die Geschichte vom Brunnenfrosch. Ein Gleichnis auf Menschen, die sich besonders beschenkt oder erleuchtet vermeinen und ihre Erkenntnisse und Lehren laut herausquaken. Ohne dabei gewahr zu werden, dass sie in einem tiefen Brunnenloch sitzen und eigentlich noch gar nichts gesehen haben.

Uns hier im Herbstfluten - Forum interessieren nicht die Brunnen, sondern das Leben - der große Fluss der Dinge. Der Daoismus nach Dschuang Dsi (Zhuangzi) ist keine Religion und auch keine Philosophie, keine fluffige Esoterik und kein seichtes, unverfängliches Gefasel. Es ist eine Haltung. Begleitend zu den Herbstfluten wird zukünftig auch www.maschinenherz.com versuchen Dschuang Dsis (Zhuangzi) Lehre des Weges nachzuzeichnen.

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Autor Thema: Friedrich Rückert - Ich bin der Welt abhanden gekommen  (Gelesen 1667 mal)
uloki
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« am: 07 August 2006, 22:08 »

Zitat
Friedrich Rückert - Ich bin der Welt abhanden gekommen

Ich bin der Welt abhanden gekommen,
Mit der ich sonst viele Zeit verdorben,
Sie hat so lange nichts von mir vernommen,
Sie mag wohl glauben, ich sei gestorben!

Es ist mir auch gar nichts daran gelegen,
Ob sie mich für gestorben hält,
Ich kann auch gar nichts sagen dagegen,
Denn wirklich bin ich gestorben der Welt.

Ich bin gestorben dem Weltgetümmel,
Und ruh' in einem stillen Gebiet!
Ich leb' allein in meinem Himmel,
In meinem Lieben, in meinem Lied!


Geschrieben 1821. Die französische Besatzung des durch die Revolution hervorgebrachten, in diesem Jahr verstorbenen Napoleon durchstanden - und nun mit Zensur und Restriktion des eigenen Fürsten beschwert.

"In der Welt, nicht von der Welt" lautet Richard Wilhelms ("christliche") Übersetzung von Dschuang Dsi. Dieses beschreibt Friedrich Rückert und lebt es auch. Es bedeutet nicht Gleichgültigkeit, Desinteresse und Weltabgewandtheit - Rückert hat gerade Luise Wiethaus-Fischer geheiratet und er übersetzt in den folgenden Monaten Teile des Korans.

"Die Welt als Welt behandeln, aber nicht von der Welt sich zur Welt herabziehen lassen: so ist man aller Verwicklung enthoben." Dem Weltgetümmel war er entgangen, aber nur für eine Weile. Er tat sich hervor und prompt berief ihn der König an seinen Hof.


Und in unseren Tagen - wer kann es sich noch leisten, der Welt abhanden zu kommen? Damit meine ich nicht, dass man keine Krankenversicherung mehr zahlt und sich beim Bürgeramt nicht ummeldet - sondern, dass man nur für sich etwas schafft, sein eigenes stilles Gebiet findet.

Wer kann sich das leisten? Ist mir nichts zugefallen und somit Müßiggang beschieden, so werde ich arbeiten und mit der Welt verkehren müssen. Viele Gelegenheiten, sich herabziehen zu lassen. Leb' ich von meinem Himmel, meinem Lieben, meinem Lied - so leb' ich von der Welt, sterb' ich ihr, so sterb' ich wirklich. Die Verwicklung muss ich sogar suchen und sie anstreben.

Wem gelingt es? Wer die Muße hätte, übt er sie aus? Wer ist sich selbst genug? ...vermutlich werden wir von ihm nichts hören. Nimmermehr
« Letzte Änderung: 30 Januar 2008, 10:33 von uloki » Gespeichert

Die ihre Natur verbessern wollen durch weltliches Lernen, um dadurch ihren Anfangszustand zu erreichen;
die ihre Wünsche regeln wollen durch weltliches Denken, um dadurch Klarheit zu erreichen, sind betörte und betrogene Leute.
Dschuang Dsi
uloki
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« Antworten #1 am: 30 Januar 2008, 10:46 »

Richard Wilhelms Satz "In der Welt, nicht von der Welt" entstammt der christlichen Gedankenwelt und ist dementsprechend konnotiert. Eine bessere Stelle scheint mir diese zu sein:
Zitat von: Dschuang Dsi
Die Welt als Welt behandeln, aber nicht von Welt sich zur Welt herabziehen lassen: so ist man aller Verwicklung enthoben.
Etwas holprig, aber in Ermangelung chin. Sprachkenntnisse muss das reichen - Nachdichten kommt nicht in Frage. Happy Frog
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Die ihre Natur verbessern wollen durch weltliches Lernen, um dadurch ihren Anfangszustand zu erreichen;
die ihre Wünsche regeln wollen durch weltliches Denken, um dadurch Klarheit zu erreichen, sind betörte und betrogene Leute.
Dschuang Dsi
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« Antworten #2 am: 03 Februar 2008, 21:40 »

Ist das Schicksal vieler großer Texte, dass Christen bzw. chr. Mönche sich ihrer angenommen haben. Aber um der Wahrheit die Ehre zu geben, auch nach 20 Jahren Snorri hätte ich besagten Satz nicht erkannt. Ich fand ihn jetzt nicht unstimmig in Deinen Ausführungen, erst in der Auslegung dürfte er wirklich giftig werden.
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