Friedrich Rückert - Ich bin der Welt abhanden gekommen
Ich bin der Welt abhanden gekommen,
Mit der ich sonst viele Zeit verdorben,
Sie hat so lange nichts von mir vernommen,
Sie mag wohl glauben, ich sei gestorben!
Es ist mir auch gar nichts daran gelegen,
Ob sie mich für gestorben hält,
Ich kann auch gar nichts sagen dagegen,
Denn wirklich bin ich gestorben der Welt.
Ich bin gestorben dem Weltgetümmel,
Und ruh' in einem stillen Gebiet!
Ich leb' allein in meinem Himmel,
In meinem Lieben, in meinem Lied!
Geschrieben 1821. Die französische Besatzung des durch die Revolution hervorgebrachten, in diesem Jahr verstorbenen Napoleon durchstanden - und nun mit Zensur und Restriktion des eigenen Fürsten beschwert.
"In der Welt, nicht von der Welt" lautet Richard Wilhelms ("christliche") Übersetzung von Dschuang Dsi. Dieses beschreibt Friedrich Rückert und lebt es auch. Es bedeutet nicht Gleichgültigkeit, Desinteresse und Weltabgewandtheit - Rückert hat gerade Luise Wiethaus-Fischer geheiratet und er übersetzt in den folgenden Monaten Teile des Korans.
"Die Welt als Welt behandeln, aber nicht von der Welt sich zur Welt herabziehen lassen: so ist man aller Verwicklung enthoben." Dem Weltgetümmel war er entgangen, aber nur für eine Weile. Er tat sich hervor und prompt berief ihn der König an seinen Hof.
Und in unseren Tagen - wer kann es sich noch leisten, der Welt abhanden zu kommen? Damit meine ich nicht, dass man keine Krankenversicherung mehr zahlt und sich beim Bürgeramt nicht ummeldet - sondern, dass man nur für sich etwas schafft, sein eigenes stilles Gebiet findet.
Wer kann sich das leisten? Ist mir nichts zugefallen und somit Müßiggang beschieden, so werde ich arbeiten und mit der Welt verkehren müssen. Viele Gelegenheiten, sich herabziehen zu lassen. Leb' ich von meinem Himmel, meinem Lieben, meinem Lied - so leb' ich von der Welt, sterb' ich ihr, so sterb' ich wirklich. Die Verwicklung muss ich sogar suchen und sie anstreben.
Wem gelingt es? Wer die Muße hätte, übt er sie aus? Wer ist sich selbst genug? ...vermutlich werden wir von ihm nichts hören.
