Der Physiker Ziffel und der Arbeiter Kalle sitzen in einer Bahnhofsgaststätte in Helsinki - fest. Beide sind Flüchtlige, geflohen aus dem Deutschen Reich, doch das Reich wird immer größer - auch in Finnland sind sie nicht mehr sicher. Sie müssen warten und die einzige Erbauung, die ihnen geblieben ist, ist das Gespräch mit dem Landsmann, die Möglichkeit, sich zu unterhalten, sich einfach mal auszuquatschen.
Auch Brecht sitzt 1940/41 in Finnland fest, nach den erträglichen, mitunter sogar idyllischen Stationen seiner Flucht in Dänemark und Schweden ist Finnland, vielmehr sind's die Umstände dort, arg. Von den freiheitlichen Strukturen der Vorkriegs-Zeit ist nicht mehr viel vorhanden, Verbindungen sind abgebrochen, das Geld wird knapp und die Sowjet-Union hat einen Nicht-Angriffs-Pakt mit Hitler-Deutschland unterzeichnet. Auch die Gesprächspartner sind rar geworden, eine dunkle Zeit, eine gute Zeit einen nüchternen Blick zurück zu werfen.
Ziffel: "Die Welt wird ein Aufenthaltsort für Heroen, wo sollen wir da hin? Eine Zeitlang hats ausgesehen, als ob die Welt bewohnbar werden könnt, ein Aufatmen ist durch die Menschen gegangen. ... Was ist aus dieser hoffnungsvollen Entwicklung geworden? Die Welt ist schon wieder voll von den wahnwitzigsten Forderungen und Zumutungen.
Wir brauchen eine Welt, in der man mit einem Minimum an Intelligenz, Mut, Vaterlandliebe, Ehrgefühl, Gerechtigkeitssinn usw. auskommt, und was haben wir? Ich sage ihnen, ich habe es satt tugendhaft zu sein, weil nichts klappt, entsagungsvoll, weil ein unnötiger Mangel herrscht, fleißig wie eine Biene, weil es an Organisation fehlt, tapfer, weil mein Regime mich in Kriege verwickelt. Kalle, Mensch, Freund, ich habe alle Tugenden satt und weigere mich ein Held zu werden."
Direkter als noch im
Salomon-Lied bringt Brecht hier den Unwert und die Gefahren der Tugenden zum Ausdruck. Brecht wollte das Volk der Deutschen aufrütteln und bewegen - er war das behäbige Volk der Dichter und Denker gründlich leid, er wollte Neues schaffen, er wollte die arbeitenden Menschen befreien, belehren, verbessern. Was er jetzt durchlebt, ist zum Teil die Reaktion auf diese Bestrebungen.
Das Volk der Dichter und Denker ist mit seinen, seit Tacitus den Germanen zugeschriebenen, Tugenden verführt und verdorben worden. Treue, Tapferkeit, Ehre, Schollenverbundenheit (oder auch Heimatliebe) - das sind doch an sich keine schlechten Eigenschaften, oder? Man kann sich sicherlich eine Gesellschaft vorstellen, die diese Eigenschaften auslebt und die nicht zu einer dumpfen, menschenverachtenden und hirnlosen Meute mutiert!?
Sicherlich kann man das, doch wer Tugenden verbreitet und einfordert, der nennt auch die Untugend - und die, die sie ausüben. Die, die anders sind. Dann bedarf's nur noch einer kleinen Krise und eines charismatischen, tugendhaften Führers, der den rechten Weg zeigt - egal ob mit Schnäuzer und Uniform, Vollbart und Turban oder bartlos, ahnungslos und im Anzug und wir haben einen Kreuzzug für ein neues Reich, das des Reinen oder Guten oder Wahren - wasauchimmer.
Es gibt keine Heiligen, die nicht für die großen Räuber Wache stehen - vertreibe die Heiligen und überlasse die Räuber sich selbst, empfahl Dschuang Dsi. Zumindest ersterem hätte wohl auch Bertolt Brecht zugestimmt.