Aus: Geschichten vom Herrn Keuner
Herr K. hielt es nicht für nötig, in einem bestimmten Lande zu leben. Er sagte: "Ich kann überall hungern." Eines Tages aber ging er durch eine Stadt, die vom Feind des Landes besetzt war, in dem er lebte. Da kam ihm entgegen ein Offizier dieses Feindes und zwang ihn, vom Bürgersteig herunterzugehen.
Herr K. ging herunter und nahm an sich wahr, daß er gegen diesen Mann empört war, und zwar nicht nur gegen diesen Mann, sondern besonders gegen das Land, dem der Mann angehörte, also daß erwünschte, es möchte vom Erdboden vertilgt werden.
"Wodurch", fragte Herr K., "bin ich für diese Minute ein Nationalist geworden? Dadurch, daß ich einem Nationalisten begegnete. Aber darum muß man die Dummheit ja ausrotten, weil sie dumm macht, die ihr begegnen."
Wie auch in den
Flüchtlingsgesprächen und im
Salomon-Lied geht es um eine Tugend und die ihr innewohnende und durch sie zum Ausdruck kommende Dummheit.
Doch darüber hinaus gibt an ihr Brecht ein sehr plastisches, und gut nachvollziehbares, Beispiel für den Satz "Wer da sagt Schön schafft zugleich Unschön" von Lao-Tze.
Ein weiteres Element welches Brecht gemein hat, ist das realistische Menschenbild. Während ein Großteil der vorherrschenden Ideologien die Tugendhelden oder armen, schwachen Sünder propagieren und ihrer dringendst bedürfen, ist der Mensch im Daoismus einfach so wie er ist, er tut das, was er tun muss - da es die Umstände sind, die ihn dazu treiben. Nur ohne Beeinflussung kann er sich natürlich, "normal", sprich: seiner selbst entsprechend verhalten.