Herbstfluten - Forum  
07 April 2008, 11:05 *

Der Frühling fängt an
Und von neuem kehrt Dummheit
Auf Dummheit zurück.

Issa
 

"Herbstfluten" ist ein Kapitel aus dem "Wahren Buch vom südlichen Blütenland" (Nan Hua Zhen Jing) von Dschuang Dsi (Zhuangzi). In diesem Kapitel findet sich die Geschichte vom Brunnenfrosch. Ein Gleichnis auf Menschen, die sich besonders beschenkt oder erleuchtet vermeinen und ihre Erkenntnisse und Lehren laut herausquaken. Ohne dabei gewahr zu werden, dass sie in einem tiefen Brunnenloch sitzen und eigentlich noch gar nichts gesehen haben.

Uns hier im Herbstfluten - Forum interessieren nicht die Brunnen, sondern das Leben - der große Fluss der Dinge. Der Daoismus nach Dschuang Dsi (Zhuangzi) ist keine Religion und auch keine Philosophie, keine fluffige Esoterik und kein seichtes, unverfängliches Gefasel. Es ist eine Haltung. Begleitend zu den Herbstfluten wird zukünftig auch www.maschinenherz.com versuchen Dschuang Dsis (Zhuangzi) Lehre des Weges nachzuzeichnen.

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Autor Thema: Beim Bau der chinesischen Mauer  (Gelesen 1330 mal)
wolkenhände
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« am: 25 August 2006, 22:06 »

Zitat
Damals war es geheimer Grundsatz Vieler, und sogar der Besten: Suche mit allen deinen Kräften die Anordnungen der Führerschaft zu verstehen, aber nur bis zu einer bestimmten Grenze, dann höre mit dem Nachdenken auf. Ein sehr vernünftiger Grundsatz, der übrigens noch eine weitere Auslegung in einem später oft wiederholten Vergleich fand: Nicht weil es dir schaden könnte, höre mit dem weiteren Nachdenken auf, es ist auch gar nicht sicher, daß es dir schaden wird. Man kann hier überhaupt weder von Schaden noch Nichtschaden sprechen. Es wird dir geschehen wie dem Fluß im Frühjahr. Er steigt, wird mächtiger, nährt kräftiger das Land an seinen langen Ufern, behält sein eignes Wesen weiter ins Meer hinein und wird dem Meere ebenbürtiger und willkommener. - So weit denke den Anordnungen der Führerschaft nach. - Dann aber übersteigt der Fluß seine Ufer, verliert Umrisse und Gestalt, verlangsamt seinen Abwärtslauf, versucht gegen seine Bestimmung kleine Meere ins Binnenland zu bilden, schädigt die Fluren, und kann sich doch für die Dauer in dieser Ausbreitung nicht halten, sondern rinnt wieder in seine Ufer zusammen, ja trocknet sogar in der folgenden heißen Jahreszeit kläglich aus. - So weit denke den Anordnungen der Führerschaft nicht nach.

Dieser Abschnitt aus Kafkas fragmentarischer Erzählung Beim Bau der chinesischen Mauer (1917) erinnert mich an drei Dinge aus dem Blütenland:
Zum einen ist es dieselbe pragmatische Herangehensweise, mit der Dschuang Dsi davon abrät, zu versuchen, die Welt in ihrer Gänze zu verstehen: "Darum: mit seinem Erkennen haltmachen an der Grenze des Unerforschlichen ist das Höchste" (II/7) - hier freilich mit einer karikierenden Anmutung, da es sich (wenigstens nach westlichem Verständnis) bei den Anordnungen der Führerschaft kaum um etwas für den Untertan "Unerforschliches" handeln sollte. 

Dann ist da die Rede vom Fluss, der "sein eigenes Wesen behält" und vom Fluss, der "gegen seine Bestimmung" fließt. Das ist Thema in "Zwei Arten des Herrschens" (VII/1): "aber er begab sich nicht hinein in das Gebiet, wo der Mensch in seinem eigentlichen Wesen nicht in Erscheinung tritt."

Und drittens ist die angedeutete Konkurrenz zwischen Fluss und Meer häufiger Thema im Buch XVII.
Ich bin keine große Kafka-Kennerin, aber gewisse Kenntnisse der Texte von Dschuang Dsi scheinen in diesem Text fraglos vorhanden zu sein.

Sehr viel vager aber nicht ganz von der Hand zu weisen ist ein gewisser Ton in einigen von Kafkas Aphorismen, zB:
"So fest wie die Hand den Stein hält. Sie hält ihn aber fest, nur um ihn desto weiter zu verwerfen. Aber auch in jene Weite führt der Weg." oder "Du bist die Aufgabe. Kein Schüler weit und breit."
Letzteres klingt allerdings eher nach Zen - könnte glatt ein Koan sein.
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uloki
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« Antworten #1 am: 29 August 2006, 11:10 »

Auf Franz Kafka wäre ich erstmal nicht gekommen - vermutlich ein Fall von akutem Schubladen-Denken. Wink Der Lektüre von "Beim Bau der chinesischen Mauer" waren mir andere Dinge erinnerbar - der Nachteil, wenn man als Jugendlicher schon seine Werke liest.

Ich glaube nicht, dass Kafka hier etwas karikieren wollte. Das Unerklärliche, Undurchdringbare und nicht Begreifbare zieht er konsequent in die reale Welt. In "Das Schloß" gelangt er nicht zum Grafen, je mehr er es versucht sich mit dessen Untergebenen einzulassen und dem System auf den Grund zu kommen, desto weiter entfernt er sich; in "Der Process" führen seine Nachforschungen dazu, dass er noch weniger Einsicht erhält.

Das hat im ersten Moment natürlich, durch die "Weltlichkeit", eine andere Anmutung, aber der Tenor ist schon sehr ähnlich, sich nicht in das System und das Ergründen- und Verstehen-Wollen verwickeln zu lassen.

Nicht weniger als großartig finde ich jedoch sein Bild des Flusses, der seiner Gestalt, seines Fließens und Wirkens verlustig geht, letzlich vergeht, wenn er seine Ufer übersteigt. Sehr anschaulich, sehr gut begreifbar - für unsere Breiten.

Danke für diesen Beitrag - mein Bücherstapel ist gerade eine Hand breit gewachsen. Woodelf
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Dschuang Dsi
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« Antworten #2 am: 31 August 2006, 15:48 »

Und nochmal Kafka:
Zitat
Die Krähen behaupten, eine einzige Krähe könnte den Himmel zerstören.
Das ist zweifellos, beweist aber nichts gegen den Himmel, denn Himmel bedeuten eben: Unmöglichkeit von Krähen.
Ein einziger Zweifel kann den Traum zerstören, ein Kratzer die Makellosigkeit. Aber Träumen findet in einer anderen Dimension statt als das Zweifeln, und wo es einen Himmel gibt, kennt man keine Krähen.
Ich könnte nicht behaupten, dass mir die Bedeutung dieses Aphorismus' klar ist, aber er mutet mir daoistisch an. Himmel als Metapher für Religiosität, für Christentum? Wie stand Kafka zum Christentum? Kann wer helfen?

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Modi
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« Antworten #3 am: 31 August 2006, 16:39 »

Die Metapher Himmel gibt es im Judentum durchaus (s. Wikipedia), ob sie zu Kafkas Zeit so intensiv verwendet wurde, wie es heute der Fall ist, entzieht sich meiner Kenntnis.

Franz Kafka war kein besonders gläubiger Jude und beklagte sogar seine mangelhafte jüdische Bildung. Ob seine Texte nicht doch eine gewisse judaistische Prägung enthalten ist umstritten. Eine große Spiritualität im Sinne einer "abstrakten Transzendenz" wird ihm sogar von judaistischer Seite bescheinigt.

Kafkas Verwendung der Metapher Himmel in einem abrahamitisch-religiösen Sinne scheint mir somit eher unwahrscheinlich.
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uloki
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« Antworten #4 am: 05 September 2006, 14:46 »

Ich hätte auch schon vor Modis Ausführungen zur "abstrakten Transzendenz" tendiert.

Aber mit ist das Bild zu sperrig und bedarf zu sehr der Interpretation. Ich finde da nichts Erhellendes drin - und danach zu suchen...

Die "Unmöglichkeit von Krähen" - klingt eher nach Autoren-Kino.  Tongue out
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« Antworten #5 am: 21 Oktober 2007, 13:34 »

"Es ist nicht notwendig, daß du aus dem Haus gehst. Bleib bei deinem Tisch und horche. Horche nicht einmal, warte nur. Warte nicht einmal, sei völlig still und allein. Anbieten wird sich dir die Welt zur Entlarvung, sie kann nicht anders, verzückt wird sie sich vor dir winden."
(Franz Kafka)
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« Antworten #6 am: 22 Oktober 2007, 10:55 »

Sehr schöne Stelle - aus seinem Nachlass 1918-1922, zusammengefasst unter "Es war der erste Spatenstich".

Obgleich ich bei Kafka immer das Gefühl habe, dass etwas Dräuendes mitschwingt. Gut, "heitere Gelassenheit" wäre zu viel verlangt von ihm.
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