Damals war es geheimer Grundsatz Vieler, und sogar der Besten: Suche mit allen deinen Kräften die Anordnungen der Führerschaft zu verstehen, aber nur bis zu einer bestimmten Grenze, dann höre mit dem Nachdenken auf. Ein sehr vernünftiger Grundsatz, der übrigens noch eine weitere Auslegung in einem später oft wiederholten Vergleich fand: Nicht weil es dir schaden könnte, höre mit dem weiteren Nachdenken auf, es ist auch gar nicht sicher, daß es dir schaden wird. Man kann hier überhaupt weder von Schaden noch Nichtschaden sprechen. Es wird dir geschehen wie dem Fluß im Frühjahr. Er steigt, wird mächtiger, nährt kräftiger das Land an seinen langen Ufern, behält sein eignes Wesen weiter ins Meer hinein und wird dem Meere ebenbürtiger und willkommener. - So weit denke den Anordnungen der Führerschaft nach. - Dann aber übersteigt der Fluß seine Ufer, verliert Umrisse und Gestalt, verlangsamt seinen Abwärtslauf, versucht gegen seine Bestimmung kleine Meere ins Binnenland zu bilden, schädigt die Fluren, und kann sich doch für die Dauer in dieser Ausbreitung nicht halten, sondern rinnt wieder in seine Ufer zusammen, ja trocknet sogar in der folgenden heißen Jahreszeit kläglich aus. - So weit denke den Anordnungen der Führerschaft nicht nach.
Dieser Abschnitt aus
Kafkas fragmentarischer Erzählung
Beim Bau der chinesischen Mauer (1917) erinnert mich an drei Dinge aus dem Blütenland:
Zum einen ist es dieselbe pragmatische Herangehensweise, mit der Dschuang Dsi davon abrät, zu versuchen, die Welt in ihrer Gänze zu verstehen: "Darum: mit seinem Erkennen haltmachen an der Grenze des Unerforschlichen ist das Höchste" (II/7) - hier freilich mit einer karikierenden Anmutung, da es sich (wenigstens nach westlichem Verständnis) bei den Anordnungen der Führerschaft kaum um etwas für den Untertan "Unerforschliches" handeln sollte.
Dann ist da die Rede vom Fluss, der "sein eigenes Wesen behält" und vom Fluss, der "gegen seine Bestimmung" fließt. Das ist Thema in "Zwei Arten des Herrschens" (VII/1): "aber er begab sich nicht hinein in das Gebiet, wo der Mensch in seinem eigentlichen Wesen nicht in Erscheinung tritt."
Und drittens ist die angedeutete Konkurrenz zwischen Fluss und Meer häufiger Thema im Buch XVII.
Ich bin keine große Kafka-Kennerin, aber gewisse Kenntnisse der Texte von Dschuang Dsi scheinen in diesem Text fraglos vorhanden zu sein.
Sehr viel vager aber nicht ganz von der Hand zu weisen ist ein gewisser Ton in einigen von Kafkas Aphorismen, zB:
"So fest wie die Hand den Stein hält. Sie hält ihn aber fest, nur um ihn desto weiter zu verwerfen. Aber auch in jene Weite führt der Weg." oder "Du bist die Aufgabe. Kein Schüler weit und breit."
Letzteres klingt allerdings eher nach Zen - könnte glatt ein Koan sein.