Mal wieder die
Duineser Elegien, diesmal die Erste. Bei Rainer Maria Rilke (1875-1926) finden sich immer viele Vorstellungen, die eine daoistische Deutung schwierig zu machen scheinen: Kirchen, Heilige, Schöpfung und jede Menge Engel. Trotzdem hier einige Ansätze, die mich aufmerksam gemacht haben.
WER, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel
Ordnungen? und gesetzt selbst, es nähme
einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem
stärkeren Dasein. Denn das Schöne ist nichts
als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen,
und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht,
uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich.
Gleich in den ersten Zeilen ist die Figur des Engels zentral. Allerdings verbunden mit dem dringenden Ratschlag, die Finger von den Engeln zu lassen. Sie besitzen "stärkeres Dasein", sind das Schöne an sich, das allerdings der Anfang des Schrecklichen ist und das uns mit einer Handbewegung vernichten könnte.
Zunächst gefällt mir die Nähe des Schönen zum Schrecklichen, beides gehört zusammen und ist in seiner Absolutheit nicht für den Menschen gemacht, beides gehört in andere "Ordnungen", wie Rilke sagt. Engel sind nicht da, um uns zu helfen, zu schützen, zu retten, sie sind sozusagen aus einer anderen Dimension und gehören zu den Dingen, mit denen der Mensch sich nach Dschuang Dsi nicht befassen sollte, weil es seinen Horizont übersteigt: "Darum: mit seinem Erkennen haltmachen an der Grenze des Unerforschlichen ist das Höchste" (II/7)
Da wir also offensichtlich diese Engel nicht benötigen, kommt Rilke zum Thema des Brauchens: jemanden oder etwas brauchen.
[...] Ach, wen vermögen
wir denn zu brauchen? Engel nicht, Menschen nicht,
und die findigen Tiere merken es schon,
daß wir nicht sehr verläßlich zu Haus sind
in der gedeuteten Welt. [...]
Rilke beschreibt eine allgemeine Bezugslosigkeit des Menschen. Wir brauchen weder andere Menschen, noch höhere Wesen, und unser Bestreben, die Welt um uns zu deuten, zu interpretieren, vermag uns keine Sicherheit zu geben. Der Begriff des fehlenden Bezuges scheint mir hier zentral zu sein: Auch mithilfe einer Deutung einen Bezug zwischen unseren Vorstellungen und der Außenwelt herzustellen, gelingt uns laut Text nicht gut.
Das Deuten von Welt ist für mich nichts anderes als die Unterscheidungen, mit denen wir nach Dschuang Dsi überflüssigerweise versuchen, die Welt zu ordnen und zu verstehen.
An die Stelle mehr oder weniger bedeutungsvoller Bezüge in unserem Leben treten Zufälligkeiten, die für uns eine Struktur bilden:
[...] Es bleibt uns vielleicht
irgend ein Baum an dem Abhang, daß wir ihn täglich
wiedersähen; es bleibt uns die Straße von gestern
und das verzogene Treusein einer Gewohnheit,
der es bei uns gefiel, und so blieb sie und ging nicht.
Die fehlenden Bezüge, das von Zufälligkeiten bestimmte Leben scheint zunächst ein Grund zur Klage zu sein, allerdings wird dann eine Verbindung zur Natur, zum kosmischen Geschehen hergestellt:
Weißt du's noch nicht? Wirf aus den Armen die Leere
zu den Räumen hinzu, die wir atmen; vielleicht daß die Vögel
die erweiterte Luft fühlen mit innigerm Flug.
Die "Leere", die wir empfinden, sollen wir mit der Luft, der Leere, die uns umgibt, vereinen. Leere, Räume, Atem sollen sich verbinden und die Luft "erweitern", was dann vielleicht die Vögel spüren.
Ich verstehe dieses Fortwerfen der Leere als Akt des Loslassens. Den Wunsch nach Bezügen, nach Brauchen, nach Sicherheit soll ich aufgeben und damit der Natur näher kommen, die solche Wünsche nicht kennt.
Es folgen Verse über das Lieben, das für Rilke in ähnlicher Weise einem ängstlichen Festhalten gleicht.
Sollen nicht endlich uns diese ältesten Schmerzen
fruchtbarer werden? Ist es nicht Zeit, daß wir liebend
uns vom Geliebten befrein und es bebend bestehn:
wie der Pfeil die Sehne besteht, um gesammelt im Absprung
mehr zu sein als er selbst. Denn Bleiben ist nirgends.
Loslassen, um zu sich selbst zu kommen und gleichzeitig über sich hinauszuwachsen - das ist für mich die Aussage der ersten Hälfte dieser ersten Elegie.