Herbstfluten - Forum  
07 April 2008, 11:05 *

Der Frühling fängt an
Und von neuem kehrt Dummheit
Auf Dummheit zurück.

Issa
 

"Herbstfluten" ist ein Kapitel aus dem "Wahren Buch vom südlichen Blütenland" (Nan Hua Zhen Jing) von Dschuang Dsi (Zhuangzi). In diesem Kapitel findet sich die Geschichte vom Brunnenfrosch. Ein Gleichnis auf Menschen, die sich besonders beschenkt oder erleuchtet vermeinen und ihre Erkenntnisse und Lehren laut herausquaken. Ohne dabei gewahr zu werden, dass sie in einem tiefen Brunnenloch sitzen und eigentlich noch gar nichts gesehen haben.

Uns hier im Herbstfluten - Forum interessieren nicht die Brunnen, sondern das Leben - der große Fluss der Dinge. Der Daoismus nach Dschuang Dsi (Zhuangzi) ist keine Religion und auch keine Philosophie, keine fluffige Esoterik und kein seichtes, unverfängliches Gefasel. Es ist eine Haltung. Begleitend zu den Herbstfluten wird zukünftig auch www.maschinenherz.com versuchen Dschuang Dsis (Zhuangzi) Lehre des Weges nachzuzeichnen.

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Autor Thema: Denn Bleiben ist nirgends - Rainer Maria Rilke: Die Duineser Elegien  (Gelesen 1683 mal)
wolkenhände
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« am: 21 Oktober 2006, 14:36 »

Mal wieder die Duineser Elegien, diesmal die Erste. Bei Rainer Maria Rilke (1875-1926) finden sich immer viele Vorstellungen, die eine daoistische Deutung schwierig zu machen scheinen: Kirchen, Heilige, Schöpfung und jede Menge Engel. Trotzdem hier einige Ansätze, die mich aufmerksam gemacht haben.

Zitat
WER, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel
Ordnungen? und gesetzt selbst, es nähme
einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem
stärkeren Dasein. Denn das Schöne ist nichts
als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen,
und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht,
uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich.

Gleich in den ersten Zeilen ist die Figur des Engels zentral. Allerdings verbunden mit dem dringenden Ratschlag, die Finger von den Engeln zu lassen. Sie besitzen "stärkeres Dasein", sind das Schöne an sich, das allerdings der Anfang des Schrecklichen ist und das uns mit einer Handbewegung vernichten könnte.
Zunächst gefällt mir die Nähe des Schönen zum Schrecklichen, beides gehört zusammen und ist in seiner Absolutheit nicht für den Menschen gemacht, beides gehört in andere "Ordnungen", wie Rilke sagt. Engel sind nicht da, um uns zu helfen, zu schützen, zu retten, sie sind sozusagen aus einer anderen Dimension und gehören zu den Dingen, mit denen der Mensch sich nach Dschuang Dsi nicht befassen sollte, weil es seinen Horizont übersteigt: "Darum: mit seinem Erkennen haltmachen an der Grenze des Unerforschlichen ist das Höchste" (II/7)

Da wir also offensichtlich diese Engel nicht benötigen, kommt Rilke zum Thema des Brauchens: jemanden oder etwas brauchen.
Zitat
[...] Ach, wen vermögen
wir denn zu brauchen? Engel nicht, Menschen nicht,
und die findigen Tiere merken es schon,
daß wir nicht sehr verläßlich zu Haus sind
in der gedeuteten Welt. [...]

Rilke beschreibt eine allgemeine Bezugslosigkeit des Menschen. Wir brauchen weder andere Menschen, noch höhere Wesen, und unser Bestreben, die Welt um uns zu deuten, zu interpretieren, vermag uns keine Sicherheit zu geben. Der Begriff des fehlenden Bezuges scheint mir hier zentral zu sein: Auch mithilfe einer Deutung einen Bezug zwischen unseren Vorstellungen und der Außenwelt herzustellen, gelingt uns laut Text nicht gut.
Das Deuten von Welt ist für mich nichts anderes als die Unterscheidungen, mit denen wir nach Dschuang Dsi überflüssigerweise versuchen, die Welt zu ordnen und zu verstehen.

An die Stelle mehr oder weniger bedeutungsvoller Bezüge in unserem Leben treten Zufälligkeiten, die für uns eine Struktur bilden:

Zitat
[...] Es bleibt uns vielleicht
irgend ein Baum an dem Abhang, daß wir ihn täglich
wiedersähen; es bleibt uns die Straße von gestern
und das verzogene Treusein einer Gewohnheit,
der es bei uns gefiel, und so blieb sie und ging nicht.

Die fehlenden Bezüge, das von Zufälligkeiten bestimmte Leben scheint zunächst ein Grund zur Klage zu sein, allerdings wird dann eine Verbindung zur Natur, zum kosmischen Geschehen hergestellt:

Zitat
Weißt du's noch nicht? Wirf aus den Armen die Leere
zu den Räumen hinzu, die wir atmen; vielleicht daß die Vögel
die erweiterte Luft fühlen mit innigerm Flug.

Die "Leere", die wir empfinden, sollen wir mit der Luft, der Leere, die uns umgibt, vereinen. Leere, Räume, Atem sollen sich verbinden und die Luft "erweitern", was dann vielleicht die Vögel spüren.
Ich verstehe dieses Fortwerfen der Leere als Akt des Loslassens. Den Wunsch nach Bezügen, nach Brauchen, nach Sicherheit soll ich aufgeben und damit der Natur näher kommen, die solche Wünsche nicht kennt.

Es folgen Verse über das Lieben, das für Rilke in ähnlicher Weise einem ängstlichen Festhalten gleicht.
Zitat
Sollen nicht endlich uns diese ältesten Schmerzen
fruchtbarer werden? Ist es nicht Zeit, daß wir liebend
uns vom Geliebten befrein und es bebend bestehn:
wie der Pfeil die Sehne besteht, um gesammelt im Absprung
mehr zu sein als er selbst. Denn Bleiben ist nirgends.

Loslassen, um zu sich selbst zu kommen und gleichzeitig über sich hinauszuwachsen - das ist für mich die Aussage der ersten Hälfte dieser ersten Elegie.

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uloki
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« Antworten #1 am: 24 Oktober 2006, 11:03 »

Gewagt! Rilke - schön und sperrig. Für die Duineser Elegien von Herrn Rilke brauchte ich mehrere Anläufe, weil es mir nicht gelang, durch seinen vermeindlich unterwürfigen, weinerlichen Tenor noch irgendwas anderes zu hören.

"Jeder Engel ist schrecklich" - gut, das ist schon ein Satz, der aus einem christlichen Verständnis entspringt, aber inhaltlich passt er, wenn überhaupt, eher zum alttestamentarischen Verständnis von Engeln. Eine solche Annährung lässt sich aber sonst nicht finden, so dass man hier durchaus den Schluss sehen kann, abzulassen von den Flattermännern und ihrer Numinosität.

Zitat von: wolkenhände
Der Begriff des fehlenden Bezuges scheint mir hier zentral zu sein: Auch mithilfe einer Deutung einen Bezug zwischen unseren Vorstellungen und der Außenwelt herzustellen, gelingt uns laut Text nicht gut.

Die Nutzlosigkeit der Deutungen und (auch deren) Zufälligkeit kann ich anhand der Zeilen nachvollziehen. "Fern vom Leib und frei vom Wissen bin ich Eins geworden mit dem, das alles durchdringt." heißt es ja auch bei Dschuang Dsi (Zhuangzi).
Wo wir gerade dabei sind - Werner hat ein neues Buch geschrieben. Mephisto

Mir gefällt "die findigen Tiere" hierbei besonders gut - kommt es mir so vor, oder schreibt Rilke ihnen wirklich 'positive', natürliche Eigenschaften zu, die uns fehlen?

Hmmmm, "Leere".... also, die Leere im daoistischen Sinne hätte ich hier nicht einmal gesucht. Aber hier könnte wirklich ein intendiertes Wortspiel vorliegen. Während die Leere im Westen das Fehlen von/der Mangel an etwas Ausfüllendem ist, ist im Osten die Leere das Vorhandensein freien Raumes, sprich: keine Hindernisse, keine Verschleierungen, die den Raum ausfüllen. Das ist die Leere, die wir atmen und durch die die Vögel fliegen! Die Befindlichkeit der westliche Leere loszulassenen und darin aufzulösen, dass die Vögel vielleicht inniger fliegen, ist ja fast schon knuffig.

"Bleiben ist nirgends" - das ist richtig gut und griffig. Bleiben heißt stehenbleiben, sich zu stauen und seine Kreise nicht zu vollenden (Buch 13 "Des Himmels Sinn", Abschnitt 1 "Nicht haften").

Erstaunlicher Rainer...
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« Antworten #2 am: 24 Oktober 2006, 20:29 »

Mir gefällt "die findigen Tiere" hierbei besonders gut - kommt es mir so vor, oder schreibt Rilke ihnen wirklich 'positive', natürliche Eigenschaften zu, die uns fehlen?
Ja, die Tiere haben eine besondere Stellung bei Rilke. Sie sind - übrigens zusammen mit Kindern und Liebenden - der Natur, bzw. einer natürlichen, kosmischen Ordnung näher als alle anderen.

Zitat
O Bäume Lebens, o wann winterlich?
Wir sind nicht einig. Sind nicht wie die Zug-
vögel verständigt. Überholt und spät,
so drängen wir uns plötzlich Winden auf
und fallen ein auf teilnahmslosen Teich.
Blühn und verdorrn ist uns zugleich bewußt.
Und irgendwo gehn Löwen noch und wissen,
solang sie herrlich sind, von keiner Ohnmacht.
(Beginn der vierten Elegie)

Die Zugvögel sind "einig" und "verständigt", sie leben im Einklang mit den Jahreszeiten und in einer großen Gemeinschaft. Sie passen sich den Winden, dem Wetter, dem Lauf der Natur mühelos an, sind Teil des Kreislaufes, des Jahreskreises. Während wir uns verspäten, uns den Winden aufdrängen und daher keine Teilnahme der Natur erfahren. Die Naturverbundenheit der Tiere wird hier zwar klar positiv belegt ("einig" und "verständigt" klingt sehr harmonisch), aber Rilke macht auch deutlich, dass dies dem Menschen versagt ist aufgrund des Bewusstseins unserer Vergänglichkeit (Verdorren), das wir - im Gegensatz zu den Tieren - haben.

Hmmmm, "Leere".... also, die Leere im daoistischen Sinne hätte ich hier nicht einmal gesucht.

Ich würde Rilke auch sicher nicht als Daoisten bezeichnen. Dafür ist der Ton dann doch zu klagend. Aber die Leere in diesem (oder einem ähnlichen) Sinne taucht bei ihm öfter auf. Ich such nochmal danach.

"Bleiben ist nirgends" - das ist richtig gut und griffig. Bleiben heißt stehenbleiben, sich zu stauen und seine Kreise nicht zu vollenden (Buch 13 "Des Himmels Sinn", Abschnitt 1 "Nicht haften").

Aus der zweiten Elegie nochmal ähnlich:
Zitat
Denn es scheint, daß uns alles
verheimlicht. Siehe, die Bäume sind; die Häuser,
die wir bewohnen, bestehn noch. Wir nur
ziehen allem vorbei wie ein luftiger Austausch.
Und alles ist einig, uns zu verschweigen, halb als
Schande vielleicht und halb als unsägliche Hoffnung.

Auch hier wieder die Einigkeit unserer Umwelt, aus der wir ausgeschlossen sind (alles verschweigt uns und ist sich auch darin "einig"). Außerdem scheint es einen qualitativen Unterschied zu geben zwischen dem Sein der Bäume und unserem Sein: die Bäume (stellvertretend für die Natur erscheinen wirklicher, substantieller als unser luftiges Vorbeiziehen.

Wie auch immer Rilke das alles gemeint hat, es sind eindrückliche Bilder, die ganz bestimmte meiner eigenen Vorstellungen schön illustrieren.
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« Antworten #3 am: 16 November 2006, 09:55 »

Zitat von: wolkenhände
aber Rilke macht auch deutlich, dass dies dem Menschen versagt ist aufgrund des Bewusstseins unserer Vergänglichkeit (Verdorren), das wir - im Gegensatz zu den Tieren - haben.

Da kommt Herr Rilke einfach an seine Grenze - Vergänglichkeit nicht zu kennen, diese christliche Vorstellung zu verneinen, wird ihm vermutlich unvorstellbar gewesen sein.

Rilke erkennt, dass es so etwas wie einen Einklang der Natur gibt, erkennt aber nicht dessen 'Weite' und vor allem: er sieht den Menschen daraus herausgenommen - einen Weg zurück sieht er nicht, allenfalls im Verliebtsein?

Tiere, Kinder, Liebende... was haben die gemein? Das Herausgenommensein aus der 'Kultur', oder?
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« Antworten #4 am: 17 November 2006, 11:54 »

Tiere, Kinder, Liebende... was haben die gemein? Das Herausgenommensein aus der 'Kultur', oder?

Könnte man sagen. Aber auch, dass sie sich ganz stark als im Mittelpunkt stehend begreifen. Im Mittelpunkt, im Hier und Jetzt.
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