Herbstfluten - Forum  
07 April 2008, 11:05 *

Als auf der Wandrung
Ich durch den Bergpaß schritt,
Das erste Farnkraut!

Kyoshi
 

"Herbstfluten" ist ein Kapitel aus dem "Wahren Buch vom südlichen Blütenland" (Nan Hua Zhen Jing) von Dschuang Dsi (Zhuangzi). In diesem Kapitel findet sich die Geschichte vom Brunnenfrosch. Ein Gleichnis auf Menschen, die sich besonders beschenkt oder erleuchtet vermeinen und ihre Erkenntnisse und Lehren laut herausquaken. Ohne dabei gewahr zu werden, dass sie in einem tiefen Brunnenloch sitzen und eigentlich noch gar nichts gesehen haben.

Uns hier im Herbstfluten - Forum interessieren nicht die Brunnen, sondern das Leben - der große Fluss der Dinge. Der Daoismus nach Dschuang Dsi (Zhuangzi) ist keine Religion und auch keine Philosophie, keine fluffige Esoterik und kein seichtes, unverfängliches Gefasel. Es ist eine Haltung. Begleitend zu den Herbstfluten wird zukünftig auch www.maschinenherz.com versuchen Dschuang Dsis (Zhuangzi) Lehre des Weges nachzuzeichnen.

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Autor Thema: Friedrich Nietzsche: Der Antichrist - "Überzeugungen sind Gefängnisse"  (Gelesen 1506 mal)
uloki
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« am: 31 Oktober 2006, 12:42 »

Friedrich Nietzsche: Der Antichrist (1895) - Vers 54 "Überzeugungen sind Gefängnisse"

Volltext von "Der Antichrist - Fluch auf das Christenthum" auf Projekt Gutenberg, Wikipedia: Friedrich Nietzsche

Friedrich Nietzsche hat es nicht gerade leicht gehabt, als Mensch, als Philosoph, als Mitglied einer Gesellschaft im kritischen Endstadium und aus seinen 'durchwachsenen' Lebenserfahrungen zog er mitunter doch zweifelhafte Schlüsse. Dass diese halbverstanden auf Dummköpfe anziehend wirken mögen, darf der Betrachtung seines Werkes nicht im Wege stehen.

Zitat von: Friedrich Nietzsche
Menschen der Überzeugung kommen für alles Grundsätzliche von Werth und Unwerth gar nicht in Betracht. Überzeugungen sind Gefängnisse.
Die Freiheit von jeder Art Überzeugungen gehört zur Stärke, das Frei-Blicken-können.

Man könnte meinen, Friedrich Nietzsche hätte das Gleichnis vom Brunnenfrosch vor Augen gehabt: "Mit einem Fachmann kann man nicht vom Leben reden, er ist gebunden durch seine Lehre." Es geht hier auch nicht, wie heute politisch-korrekterweise gern angenommen wird, um eine falsche und eine richtige, um die eigene und die eines anderen - es geht um das Besitzen einer Überzeugung überhaupt.

Die Stärke, von der Nietzsche spricht, ist die, welche notwendig ist, aus seinem Brunnenloch zu entkommen - in seinem Kontext formuliert er es als ein Sich-Erheben, als eine Anstrengung, als Leidenschaft, als Kampf. War der falsche Weg, ging über seine Kräfte.

Zitat von: Friedrich Nietzsche
Die grosse Leidenschaft braucht, verbraucht Überzeugungen, sie unterwirft sich ihnen nicht, - sie weiss sich souverain.

Klar - "Erst muss einer das Unnötige erkennen, ehe man mit ihm vom Nötigen reden kann." sagt Dschuang Dsi (Zhuangzi) in Die Notwendigkeit des Unnötigen.

Nietzsche war konfrontiert mit einer damals noch aktiveren und mächtigeren tumben Masse von Gefangenen: den Christen.
Zitat von: Friedrich Nietzsche
Der Mensch des Glaubens, der "Gläubige" jeder Art ist nothwendig ein abhängiger Mensch.
 ...
Der "Gläubige" gehört sich nicht, er kann nur Mittel sein, er muss verbraucht werden, er hat jemand nöthig, der ihn verbraucht. Sein Instinkt giebt einer Moral der Entselbstung die höchste Ehre: zu ihr überredet ihn Alles, seine Klugheit, seine Erfahrung, seine Eitelkeit. Jede Art Glaube ist selbst ein Ausdruck von Entselbstung, von Selbst-Entfremdung.

Dem Gläubigen steht es nicht frei, für die Frage "wahr" und "unwahr" überhaupt ein Gewissen zu haben [...] Die pathologische Bedingtheit seiner Optik macht aus dem Überzeugten den Fanatiker [...] Aber die grosse Attitüde dieser kranken Geister, dieser Epileptiker des Begriffs, wirkt auf die grosse Masse, - die Fanatiker sind pittoresk, die Menschheit sieht Gebärden lieber als dass sie Gründe hört ...

Diese Betrachtungen sind nicht nur in den letzten hundert Jahren aktuell geblieben, schon Dschuang Dsi (Zhuangzi) warnte vor über 2000 Jahren vor Heiligen - es existiert kein wirklicher Unterschied zwischen weißen, rasierten, angelsächsischen Protestanten und dunklen, bärtigen arabischen Moslems. Nur der Inhalt ihrer Überzeugungen variert ein wenig...
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die ihre Wünsche regeln wollen durch weltliches Denken, um dadurch Klarheit zu erreichen, sind betörte und betrogene Leute.
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A. Kehrleben
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« Antworten #1 am: 14 Februar 2007, 12:41 »

Bei all meinem Bewundern für die Person Nietzsche und sein Denken, bezweifle ich doch, dass er diesen Vergleichen standhällt. Ich glaube Nietzsche steht doch mehr für sich alleine und den entscheidenden Schritt (wenn ich Zhuangzis
Worte richtig verstehe) macht er ja gerade nicht. Bei Nietzsche müssen Überzeugungen überwunden werden, wodurch ein doppelter Boden zustandekommt. Bei Zhuangzi hingegen werden sie von vornherein als müßig betrachtet und es gilt sich überhaupt nicht erst auf sie einzulassen, was das Paradoxon einer Überzeugung der Überzeugungslosigkeit untergräbt. Ich möchte an dieser Stelle gerne Alexander Ular zitieren, der einen ähnlichen Gedankengang haben musste als er folgendes schrieb: "Es ist an und für sich unmöglich, wie die Historiograpen der Philosophie es möchten, Lao-Tzu in das System der indoeuropäischen Philosophie einzuschalten. Denn er hat Berührungspunkte nur mit einem einzigen westländischen Denker, der als einsamer Komet gleichfalls noch aus dem Planetensystem der ruhig umeinander evolvierenden anerkannten Philosophen ausgeschaltet wird. Lao-tzu steht jenseits von Nietzsche."
Obgleich hier von Lao-tzu und nicht von Zhuangzi die Rede ist; ich glaube Ulars anliegen wird im letzten Satz sehr deutlich. Jenseits von Gut und Böse zu stehen, und Nietzsche bezieht in den angebrachten Zitaten eindeutig Stellung zu diesem, seinem früheren Werk, ist dem alten Chinesen eben selber eine Jenseitigkeit. Er muss diesen Bereich gar nicht erst andenken, da er ihn von vornherein eliminiert. Nietzsche fand sich in einer Zeit wieder in der das schlichtweg unmöglich war. Er lässt uns aber keinen Zweifel daran, den Braten gerochen zu haben und zumindest ich als Europäer (und zudem noch als Christ) kann über diesen Horizont nichts weiteres erblicken, ich kann eben nur erahnen was der Wind zu mir herüberträgt.
« Letzte Änderung: 14 Februar 2007, 12:44 von A. Kehrleben » Gespeichert
wolkenhände
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« Antworten #2 am: 20 Februar 2007, 15:11 »

Hallo, A.Kehrleben,

sachlich sind Deine Einwände sicherlich berechtigt. Allerdings geht es in diesem Bereich der Herbstfluten nicht um Kulturvergleich.
Vielmehr soll eine Sammlung von literarischen und philosophischen Texten aus dem ausschließlich westlichen Kulturkreis entstehen, die einer daoistischen Haltung entsprungen sein könnten.

Weder müssen die Autor/innen nachweisbar vom Daoismus inspiriert sein, noch sollen sie mögliche Parallelen explizit formulieren. Interessant scheint uns, Gedanken hervorzuheben, die daoistischen Gedanken wesensverwandt sind, ohne dass diese Nähe bewusst formuliert wäre.

Wir suchen Metaphern und Symbole aus dem westlichen Kulturkreis, die eine gewisse Universalität daoistischer Gedanken zeigen. Wir suchen Bilder und Vergleiche, die deutlich machen, dass eine daoistische Haltung nicht an einen Kulturkreis gebunden ist, und noch viel weniger allen anderen verschlossen bleiben müsste.

Vor diesem Hintergrund scheint mir das Nietzsche-Zitat hier durchaus passend.

Gruß, wolkenhände
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uloki
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« Antworten #3 am: 20 Februar 2007, 16:49 »

 Applauding Danke! Komplizierten Sachverhalt sehr anschaulich formuliert. Sollten wir in die 'offizielle' Beschreibung aufnehmen. Urheberrechte, Lizenzen?
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Dschuang Dsi
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