Friedrich Nietzsche: Der Antichrist (1895) - Vers 54 "Überzeugungen sind Gefängnisse"Volltext von "Der Antichrist - Fluch auf das Christenthum" auf
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Wikipedia: Friedrich NietzscheFriedrich Nietzsche hat es nicht gerade leicht gehabt, als Mensch, als Philosoph, als Mitglied einer Gesellschaft im kritischen Endstadium und aus seinen 'durchwachsenen' Lebenserfahrungen zog er mitunter doch zweifelhafte Schlüsse. Dass diese halbverstanden auf Dummköpfe anziehend wirken mögen, darf der Betrachtung seines Werkes nicht im Wege stehen.
Menschen der Überzeugung kommen für alles Grundsätzliche von Werth und Unwerth gar nicht in Betracht. Überzeugungen sind Gefängnisse.
Die Freiheit von jeder Art Überzeugungen gehört zur Stärke, das Frei-Blicken-können.
Man könnte meinen, Friedrich Nietzsche hätte das
Gleichnis vom Brunnenfrosch vor Augen gehabt: "Mit einem Fachmann kann man nicht vom Leben reden, er ist gebunden durch seine Lehre." Es geht hier auch nicht, wie heute politisch-korrekterweise gern angenommen wird, um eine falsche und eine richtige, um die eigene und die eines anderen - es geht um das Besitzen einer Überzeugung überhaupt.
Die Stärke, von der Nietzsche spricht, ist die, welche notwendig ist, aus seinem Brunnenloch zu entkommen - in seinem Kontext formuliert er es als ein Sich-Erheben, als eine Anstrengung, als Leidenschaft, als Kampf. War der falsche Weg, ging über seine Kräfte.
Die grosse Leidenschaft braucht, verbraucht Überzeugungen, sie unterwirft sich ihnen nicht, - sie weiss sich souverain.
Klar - "Erst muss einer das Unnötige erkennen, ehe man mit ihm vom Nötigen reden kann." sagt Dschuang Dsi (Zhuangzi) in
Die Notwendigkeit des Unnötigen.
Nietzsche war konfrontiert mit einer damals noch aktiveren und mächtigeren tumben Masse von Gefangenen: den Christen.
Der Mensch des Glaubens, der "Gläubige" jeder Art ist nothwendig ein abhängiger Mensch.
...
Der "Gläubige" gehört sich nicht, er kann nur Mittel sein, er muss verbraucht werden, er hat jemand nöthig, der ihn verbraucht. Sein Instinkt giebt einer Moral der Entselbstung die höchste Ehre: zu ihr überredet ihn Alles, seine Klugheit, seine Erfahrung, seine Eitelkeit. Jede Art Glaube ist selbst ein Ausdruck von Entselbstung, von Selbst-Entfremdung.
Dem Gläubigen steht es nicht frei, für die Frage "wahr" und "unwahr" überhaupt ein Gewissen zu haben [...] Die pathologische Bedingtheit seiner Optik macht aus dem Überzeugten den Fanatiker [...] Aber die grosse Attitüde dieser kranken Geister, dieser Epileptiker des Begriffs, wirkt auf die grosse Masse, - die Fanatiker sind pittoresk, die Menschheit sieht Gebärden lieber als dass sie Gründe hört ...
Diese Betrachtungen sind nicht nur in den letzten hundert Jahren aktuell geblieben, schon Dschuang Dsi (Zhuangzi) warnte vor über 2000 Jahren vor Heiligen - es existiert kein wirklicher Unterschied zwischen weißen, rasierten, angelsächsischen Protestanten und dunklen, bärtigen arabischen Moslems. Nur der Inhalt ihrer Überzeugungen variert ein wenig...