Herbstfluten - Forum  
07 April 2008, 11:05 *

So schlicht und einfach
Fand sich der Frühling heut ein:
Als Blau des Himmels!

Issa
 

"Herbstfluten" ist ein Kapitel aus dem "Wahren Buch vom südlichen Blütenland" (Nan Hua Zhen Jing) von Dschuang Dsi (Zhuangzi). In diesem Kapitel findet sich die Geschichte vom Brunnenfrosch. Ein Gleichnis auf Menschen, die sich besonders beschenkt oder erleuchtet vermeinen und ihre Erkenntnisse und Lehren laut herausquaken. Ohne dabei gewahr zu werden, dass sie in einem tiefen Brunnenloch sitzen und eigentlich noch gar nichts gesehen haben.

Uns hier im Herbstfluten - Forum interessieren nicht die Brunnen, sondern das Leben - der große Fluss der Dinge. Der Daoismus nach Dschuang Dsi (Zhuangzi) ist keine Religion und auch keine Philosophie, keine fluffige Esoterik und kein seichtes, unverfängliches Gefasel. Es ist eine Haltung. Begleitend zu den Herbstfluten wird zukünftig auch www.maschinenherz.com versuchen Dschuang Dsis (Zhuangzi) Lehre des Weges nachzuzeichnen.

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Autor Thema: Bertolt Brecht: "Das Badener Lehrstück vom Einverständnis" (1929)  (Gelesen 893 mal)
uloki
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« am: 09 November 2006, 13:49 »

Das Stück knüpft inhaltlich an das bekanntere "Der Ozeanflug" an und wurde auch nur einen Tag später uraufgeführt, doch es ist ein konkreter Gegenentwurf. Im Ozeanflug kann der tollkühne Pilot obsiegen, im Lehrstück vom Einverständnis kann er es nicht, denn es geht um den Tod, um die Furcht davor. Wie Brecht es nannte, die "Sterbensfurcht".

Seit jeher verdrängen die Menschen diese Furcht und weder die Worte von Epikur noch Dschuang Dsi (Zhuangzi) haben Gehör gefunden, wie auch, bedürfen Religionen wie das Christentum doch der Angst seiner Anhänger zum existieren.

Brecht konnte sich des Aufschreiens also sicher sein - auch der Weltkrieg hatte die Menschen nicht gelehrt. Ein Jahrzehnt später blökte die bürgerliche Masse schon wieder nach Revanche, Gerechtigkeit und nach Reinheit.

Und Brecht machte in der Tat großes Theater, experimentierfreudig wie er war, fuhr er alles auf, was es gab: Angefangen mit einer "Slideshow" aus Bildern von Toten und Sterbenden - als die Zuschauer mürrisch wurden, hieß er den Sprecher durchsagen: "Nochmalige Betrachtung der mit Unlust aufgenommenen Darstellung des Todes" und zeigt die Bilder nochmal. Für Brecht war Theater nicht die Vorstellung absitzen und angenehm unterhalten werden - Theater soll bewegen, beteiligen, zum Nachdenken, zum Reflektieren anregen. Wie das Leben - doch die meisten leben ihr Leben wie sie Theater konsumieren.

Es gab ferner einen Film eines grotesken Totentanzes, aufgeführt durch die damals recht bekannte Valeska Gert. Das Publikum beruhigte sich für einen Moment, doch die nachfolgende Clown-Szene führte zu offenen Tumulten - Clown Schmidt leidet unter physischen und psychischen Schmerzen und seine beiden Clown-Kollegen raten ihm, die entsprechenden Gliedmaßen einfach abzusägen. Einem mit Stelzen verlängerten Theo Lingen wurden auf der Bühne unter Strömen von Blut die Extremitäten amputiert... was tut man nicht alles, um zu helfen. Das Publikum war beim Absägen des Kopfes nicht mehr zu halten und die Aufführung wurde abgebrochen, die Schauspieler flohen unter dem Hagel von allem, was die Zuschauer in die Hände bekamen.

Brecht entdeckt langsam die Möglichkeiten des Lehrstücks, aber gewisse Techniken hat er noch nicht richtig herausgearbeitet. Es lag ihm fern, mit dem "Badener Lehrstück vom Einverständnis" eine vorgefertigte Haltung nahezulegen, er wollte, dass der Zuschauer sich auseinandersetzt, verschiedene Standpunkte einnehmend sieht und lernt - über seinen Brunnenrand hinaus zu blicken.

Schon im "Ozeanflug" hatte sich der Protagonist mit dem Tod auseinanderzusetzen - Brecht stellt hier klar, dass der Tod für ihn kein mystisch-numinos-transzendentes Ereignis ist, sondern etwas Unvermeidliches, dessen man sich bewußt sein muss, um frei leben zu können, frei von Angst, frei von Fremdbestimmung. Dafür muss man aber seine Halt und Sicherheit versprechenden Vorstellungen loslassen können, einsehen, dass man kein persönliches Schicksal hat, dass es auf einen nicht ankommt, wie Brecht es nennt. Dschuang Dsi (Zhuangzi) spricht davon, dass man erst seine eigene Ärmlichkeit erkennen muss, um von der großen Ordnung hören zu können. Und den Tod zu fürchten, das Sterben zu betrauern, läßt sich kurz zusammenfassen mit: Das Schicksal nicht verstehen.
« Letzte Änderung: 09 November 2006, 14:43 von uloki » Gespeichert

Die ihre Natur verbessern wollen durch weltliches Lernen, um dadurch ihren Anfangszustand zu erreichen;
die ihre Wünsche regeln wollen durch weltliches Denken, um dadurch Klarheit zu erreichen, sind betörte und betrogene Leute.
Dschuang Dsi
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