Johann Wolfgang von Goethe: Die Natur (Fragment, 1782 [
kompletter Text])
Natur! Wir sind von ihr umgeben und umschlungen - unvermögend aus ihr herauszutreten, und unvermögend tiefer in sie hinein zu kommen. Ungebeten und ungewarnt nimmt sie uns in den Kreislauf ihres Tanzes auf und treibt sich mit uns fort, bis wir ermüdet sind und ihrem Arme entfallen.
[...]
Wer sie nicht allenthalben sieht, sieht sie nirgendwo recht.
[...]
Man gehorcht ihren Gesetzen, auch wenn man ihnen widerstrebt; man wirkt mit ihr, auch wenn man gegen sie wirken will.
Im Leben des Urhebers dieser Zeilen, Johann Wolfgang von Goethe (1749 - 1832) vollzog sich gerade ein tiefgehender Wandel. Goethe hatte 1775 in Karlsbad
Charlotte von Stein kennen- und lieben gelernt. Die reifere Frau (und vielfache Mutter) brachte Ruhe und Kontinuität in das noch sehr vom Sturm und Drang geprägte, stürmisch-unstete Leben des "Geniekerls". Von lauten, emotional-pathetischen tönenden Lobgesängen wechselte Goethe zur kontemplativen Betrachtung der Natur.
Diese Zeilen aus der frühen Phase sind noch nicht durchsetzt vom herrschaftlichen Geist alles durchdringen, alles ergründen zu können, noch hatten ihn auf diesem Feld Erfolg und Ruhm nicht 'enthoben'. Hier heißt es noch, dass man nicht tiefer in sie hinein kommen könne, doch diese Ansicht verwarf er später - und produzierte Bücherwissen, über Dinge, die augenfällig sind.
Ein Gleichsetzen von Goethes "Natur" mit dem Begriff Natur, dem wir in Übersetzungen aus dem Chinesischen ist so nicht ganz richtig. Richard Wilhelm vermerkt, dass es "das Spontane" oder "aus sich selbst heraus" heißen müsste. Das ist unsere westliche "Natur" auch, aber der übersetzte Begriff geht weiter.
Sie nicht zu verstehen, wenn man sie nicht allenthalben sieht, ist sehr ähnlich dem Vergleich, den Himmel durch Röhre zu betrachten, wie es in der Geschichte vom Brunnenfrosch heißt.
Dem letzten Satz dieses Auszuges würde ich schon einen daoistischen Klang nicht absprechen wollen, aber er hat eine unangenehme christliche Anmutung, die dem Reflex etwas Allumfassendes mit dem judäo-christlichen Gott gleichzusetzen Vorschub leistet. In Verbindung mit dem dem Halbsatz "Wenn kein Sinn ist auf der Welt" ergibt dieses dann possierliche Diskussionen am Rande des Skeptizismus und jenseits jeder Grundlage. Denn "Wenn kein Sinn ist auf der Welt" bedeutet lediglich, dass die Menschen den Sinn nicht pflegen, dass er nicht zu Geltung kommen kann.
Der Text ist eher untypisch für Goethe und u.U. auch nur von ihm inspiriert - am ehesten sehe ich ihn am Ende seiner Sturm-und-Drang-Phase.