Herbstfluten - Forum  
07 April 2008, 11:04 *
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Der nahe Frühling
Verschleiert den ganzen Tag
die Schlucht mit Regen.

Tôyô
 

"Herbstfluten" ist ein Kapitel aus dem "Wahren Buch vom südlichen Blütenland" (Nan Hua Zhen Jing) von Dschuang Dsi (Zhuangzi). In diesem Kapitel findet sich die Geschichte vom Brunnenfrosch. Ein Gleichnis auf Menschen, die sich besonders beschenkt oder erleuchtet vermeinen und ihre Erkenntnisse und Lehren laut herausquaken. Ohne dabei gewahr zu werden, dass sie in einem tiefen Brunnenloch sitzen und eigentlich noch gar nichts gesehen haben.

Uns hier im Herbstfluten - Forum interessieren nicht die Brunnen, sondern das Leben - der große Fluss der Dinge. Der Daoismus nach Dschuang Dsi (Zhuangzi) ist keine Religion und auch keine Philosophie, keine fluffige Esoterik und kein seichtes, unverfängliches Gefasel. Es ist eine Haltung. Begleitend zu den Herbstfluten wird zukünftig auch www.maschinenherz.com versuchen Dschuang Dsis (Zhuangzi) Lehre des Weges nachzuzeichnen.

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Autor Thema: Johann Wolfgang von Goethe: Die Natur  (Gelesen 816 mal)
uloki
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« am: 23 November 2006, 10:07 »

Johann Wolfgang von Goethe: Die Natur (Fragment, 1782 [kompletter Text])

Zitat
Natur! Wir sind von ihr umgeben und umschlungen - unvermögend aus ihr herauszutreten, und unvermögend tiefer in sie hinein zu kommen. Ungebeten und ungewarnt nimmt sie uns in den Kreislauf ihres Tanzes auf und treibt sich mit uns fort, bis wir ermüdet sind und ihrem Arme entfallen.
[...]
Wer sie nicht allenthalben sieht, sieht sie nirgendwo recht.
[...]
Man gehorcht ihren Gesetzen, auch wenn man ihnen widerstrebt; man wirkt mit ihr, auch wenn man gegen sie wirken will.

Im Leben des Urhebers dieser Zeilen, Johann Wolfgang von Goethe (1749 - 1832) vollzog sich gerade ein tiefgehender Wandel. Goethe hatte 1775 in Karlsbad Charlotte von Stein kennen- und lieben gelernt. Die reifere Frau (und vielfache Mutter) brachte Ruhe und Kontinuität in das noch sehr vom Sturm und Drang geprägte, stürmisch-unstete Leben des "Geniekerls". Von lauten, emotional-pathetischen tönenden Lobgesängen wechselte Goethe zur kontemplativen Betrachtung der Natur.

Diese Zeilen aus der frühen Phase sind noch nicht durchsetzt vom herrschaftlichen Geist alles durchdringen, alles ergründen zu können, noch hatten ihn auf diesem Feld Erfolg und Ruhm nicht 'enthoben'. Hier heißt es noch, dass man nicht tiefer in sie hinein kommen könne, doch diese Ansicht verwarf er später - und produzierte Bücherwissen, über Dinge, die augenfällig  sind.

Ein Gleichsetzen von Goethes "Natur" mit dem Begriff Natur, dem wir in Übersetzungen aus dem Chinesischen ist so nicht ganz richtig. Richard Wilhelm vermerkt, dass es "das Spontane" oder "aus sich selbst heraus" heißen müsste. Das ist unsere westliche "Natur" auch, aber der übersetzte Begriff geht weiter.

Sie nicht zu verstehen, wenn man sie nicht allenthalben sieht, ist sehr ähnlich dem Vergleich, den Himmel durch Röhre zu betrachten, wie es in der Geschichte vom Brunnenfrosch heißt.

Dem letzten Satz dieses Auszuges würde ich schon einen daoistischen Klang nicht absprechen wollen, aber er hat eine unangenehme christliche Anmutung, die dem Reflex etwas Allumfassendes mit dem judäo-christlichen Gott gleichzusetzen Vorschub leistet. In Verbindung mit dem dem Halbsatz "Wenn kein Sinn ist auf der Welt" ergibt dieses dann possierliche Diskussionen am Rande des Skeptizismus und jenseits jeder Grundlage. Denn "Wenn kein Sinn ist auf der Welt" bedeutet lediglich, dass die Menschen den Sinn nicht pflegen, dass er nicht zu Geltung kommen kann. 

Der Text ist eher untypisch für Goethe und u.U. auch nur von ihm inspiriert - am ehesten sehe ich ihn am Ende seiner Sturm-und-Drang-Phase.
Gespeichert

Die ihre Natur verbessern wollen durch weltliches Lernen, um dadurch ihren Anfangszustand zu erreichen;
die ihre Wünsche regeln wollen durch weltliches Denken, um dadurch Klarheit zu erreichen, sind betörte und betrogene Leute.
Dschuang Dsi
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