Seneca - Philosophische Schriften und Briefe oder "Geben wir uns keiner Illusion hin..."
Lucius Annaeus Seneca, genannt Seneca der Jüngere, lebte von 4 v.d.Z. bis 65 n.d.Z. - nicht nur für einen Römer eine miese Zeit. Als Erzieher des Endproduktes einer Republik die Imperium wurde -
Nero (Nero Claudius Caesar Augustus Germanicus ) - führte er ein wechselvolles Leben, weder Reichtum, noch Ruhm, weder Armut, noch Todesangst waren ihm fremd geblieben. Beste Voraussetzung also, sich eine stoische Philosophie anzueignen.
Seneca war früh zur Feststellung gelangt, dass Enttäuschung, Verzweiflung, Frustration und Zorn meist einen sehr simplen Grund haben: Es ist die Diskongruenz, die Unstimmigkeit, das Aufeinanderprallen unserer Vorstellungen mit der Realität.
Wir haben eine Vorstellung, gewisse Grundannahmen, wild-romantische Hoffnungen und uns selbst uneingestandene, unbewusste Wünsche - selbst der, der sich für einen nüchternen Menschen hält, vielleicht sogar noch mehr als der, der sich schon als Träumer wähnt.
Gerade die Unbewusstheit, die Unausgesprochenheit dieser Erwartungen und Hoffnungen macht sie und uns anfällig und hochgradig verletzlich. Zutiefst sind wir getroffen, kollidiert unser innigstes Hoffen mit der Realität... denn es zerschellt daran. Es ist die verdammte Realität - real wie eine Mauer, real wie der Felsen am Fuße der Klippe. Kein Glaube, keine Überzeugung und keine Emotion haben jemals eine vom Tisch fallende Kaffeetasse vor'm Zerbrechen bewahrt.
Es ist ein unbegründeter und überaus oberflächlicher Optimismus, der uns in diese Lage bringt. Unser Verständnis von den Grundregeln des Lebens basiert nicht auf unseren Betrachtungen und Erfahrungen, sondern aus Wahn- und Wunschvorstellungen, Kompensationen von verdrängten Ängsten.
Dschuang Dsi (Zhuangzi) drückt das im Allgemeinen so aus:
"Das Wirken der Natur zu kennen, und zu erkennen, in welcher Beziehung das Menschliche Wirken dazu stehen muss: Das ist das Ziel."
(Dschuang Dsi (Zhuangzi), Blütenland, Buch 6 "Der große Ahn und Meister", Abschnitt 1 "Der wahre Mensch und der Sinn")
Seneca rät dazu, vorbereitet zu sein, mit der Möglichkeit von vornherein zu rechnen, sich mit ihr schon vor dem möglichen Eintreten auseinandergesetzt zu haben, nicht die Augen zu verschließen, vor dem, was nun mal - jederzeit - geschehen kann.
"Wir [machen] uns nicht im Voraus eine Vorstellung von dem Übel, sondern warten bis es uns triftt..." (Seneca, Trostschrift an Marcia IX.1)
"Sei auf alles gefasst und innerlich vorbereitet" (Seneca, Drei Bücher vom Zorn, II.31.4)
Der gute Seneca war von Fortuna mächtig durchgeschüttelt worden und hatte es zur Übung (die sogenannte "praemeditatio") gemacht, sich jeden Tag erst einmal vor Augen zu führen, was alles Schlimmes passieren könnte - um dann die meisten Tage froh und wohlgelaunt zu sein, weil sie nicht passiert sind, sondern andere, mehr oder weniger angenehme Dinge, auf die er sich konzentrieren konnte, weil er die schlimmen Dinge und die lähmende Angst davor schon beiseite geschoben hatte.
Was einen weiteren postitiven Nebeneffekt hat, nämlich, dass unausgesprochene, amorphe Befürchtungen nicht ungehindert wachsen und wuchern konnten, weil sie sich einer wachen, realistischen Einschätzung entzogen. "Rechne mit dem Schlimmsten - aber nichts Schlimmeren!"
Ein solches Verhalten ist vom
"Das Vorübergehende soll man nicht abweisen, wenn es kommt, und nicht festhalten, wenn es geht."
(Dschuang Dsi (Zhuangzi), Blütenland, Buch 16 "Verbesserung der Natur", Abschnitt 4, "Das wahre Ziel")
noch ein Stück entfernt, geht aber in die richtige Richtung und eine taugliche Übung, sich immanenter Vorstellungen und Ängste bewusst zu werden.
Auch über
Tugenden hatte Seneca sich einen realistischen Standpunkt angeeignet, der dem Wesen des
Wo die Kraft nicht ausreicht, da muss man betrügen nahe kommt:
"Wie kann man sich darüber wundern, dass Schurken Schurkereien verüben? Ist es denn etwas Unerhörtes, wenn ein Feund schadet, ein Freund einen Vorstoß macht, ein Sohn einen Fehltritt tut, ein Sklave sich etwas zuschulden kommen lässt?" (Seneca, Drei Bücher vom Zorn, II.34.1)
Vom Gang des Schicksals, dem
Lauf der Dinge sollen wir uns nicht im inneren Einklang stören lassen, sagt Dschuang Dsi (Zhuangzi), bei Seneca klingt das etwas grauer und trostloser.
"Wir irren nämlich, wenn wir meinen, irgendeine Stelle auf Erden sei von der Gefahr ausgenommen und frei. Alle unterliegen demselben Gesetz, und nichts hat die Natur so geschaffen, dass es unveränderlich bliebe." (Seneca, Trostschrift an Marcia IV.1)
"Nichts gibt das Schicksal zu festem Besitz." (Seneca, Briefe an Lucilius, LXXII.7)
"Weder der Einzelne noch der Staat hat einen festen Halt." (Seneca, Briefe an Lucilius, XCI.7)
"Alles Menschenwerk ist zur Vergänglichkeit verurteilt, wir leben inmitten einer Umgebung, der keine Dauer beschieden ist." (Seneca, Briefe an Lucilius, XLI.12)
Das mit den
Verstrickungen klingt dann schon besser:
"Allem [..] habe ich einen Platz angewiesen, von dem es mir durch seine [des Schicksals] Hand wieder genommen werden konnte, ohne dass ich dadurch im geringsten beunruhigt wurde." (Seneca, Trostschrift an seine Mutter Helvia V.4)
Viel Ähnlichkeiten finden sich auch in der Vorstellung, was
Weisheit ausmacht:
"Wer versteht, mit der ihm zugemessenen Zeit zufrieden zu sein und sich zu fügen in den Lauf der Dinge, dem vermag Freude und Leid nichts anzuhaben."
(Dschuang Dsi (Zhuangzi), Blütenland, Buch 6 "Der große Ahn und Meister", Abschnitt 3 "Die vier Freunde")
"Der Weise ist sich selbst genug. Hat ihn Krankheit oder der Feind um eine Hand gebracht, hat er durch einen Unfall ein Auge verloren, so nimmt er doch vorlieb mit dem, was ihm übrig geblieben." (Seneca, Briefe an Lucilius, IX.4)
Seneca klingt in Teilen leider etwas freudloser als er müsste... oh, und er mochte Leute nicht, die immer am jammern sind.
