Herbstfluten - Forum  
07 April 2008, 11:05 *

Der nahe Frühling
Verschleiert den ganzen Tag
die Schlucht mit Regen.

Tôyô
 

"Herbstfluten" ist ein Kapitel aus dem "Wahren Buch vom südlichen Blütenland" (Nan Hua Zhen Jing) von Dschuang Dsi (Zhuangzi). In diesem Kapitel findet sich die Geschichte vom Brunnenfrosch. Ein Gleichnis auf Menschen, die sich besonders beschenkt oder erleuchtet vermeinen und ihre Erkenntnisse und Lehren laut herausquaken. Ohne dabei gewahr zu werden, dass sie in einem tiefen Brunnenloch sitzen und eigentlich noch gar nichts gesehen haben.

Uns hier im Herbstfluten - Forum interessieren nicht die Brunnen, sondern das Leben - der große Fluss der Dinge. Der Daoismus nach Dschuang Dsi (Zhuangzi) ist keine Religion und auch keine Philosophie, keine fluffige Esoterik und kein seichtes, unverfängliches Gefasel. Es ist eine Haltung. Begleitend zu den Herbstfluten wird zukünftig auch www.maschinenherz.com versuchen Dschuang Dsis (Zhuangzi) Lehre des Weges nachzuzeichnen.

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Autor Thema: Bertolt Brecht: Zwei Fahrer  (Gelesen 599 mal)
uloki
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« am: 07 Juni 2007, 08:58 »

Aus: Bertolt Brecht, Geschichten vom Herrn Keuner

Zitat
Zwei Fahrer

Herr K., befragt über die Arbeitsweise zweier Theaterleute, verglich sie folgendermaßen:

"Ich kenne einen Fahrer, der die Verkehrsregeln gut kennt, innehält und für sich zu nutzen weiß. Er versteht es geschickt, vorzupreschen, dann wieder eine regelmäßige Geschwindigkeit zu halten, seinen Motor zu schonen, und so findet er vorsichtig und kühn seinen Weg zwischen den anderen Fahrzeugen.

Ein anderer Fahrer, den ich kenne, geht anders vor. Mehr als an seinem Weg ist er interessiert am gesamten Verkehr und fühlt sich nur als ein Teilchen davon. Er nimmt nicht seine Rechte wahr und tut sich nicht persönlich hervor. Er fährt im Geist mit dem Wagen vor ihm und dem Wagen hinter ihm, mit einem ständigen Vergnügen an dem Vorwärtskommen aller Wägen und der Fußgänger dazu."

Eine vage Schülererinnerung an diese Geschichte ließ dem 2. Fahrer (nachträglich) eine daoistische Anmutung anhaften und machte den ersten zum Karrieristen.

Das läßt sich m.E. so nicht halten und stellt eine der häufigsten Missverständnisse gegenüber dem Daoismus dar. Die zweite Haltung klingt nach einem sehr harmonischen, ausgeglichenem Konzept - und dürfte im privaten und geistigen Bereich auch gut aufgehoben sein. Aber im Umgang mit "der Welt" ist sicherlich die erstere Haltung angemessener - Gesetze, Umgangsformen und Wissen haben hier ihren Platz. Und sich ihrer zu bedienen macht den Umgang einfacher, den 'Reibungsverlust' geringer. Beide Haltungen angemessen zu trennen ist zugegebenermaßen eine Herausforderung, aber wer nicht als kahler Baum auf hohem Berg oder Fußabtreter enden will, ist meines Erachtens gut beraten, sich beider "Arbeitsweisen" zu bedienen.
Gespeichert

Die ihre Natur verbessern wollen durch weltliches Lernen, um dadurch ihren Anfangszustand zu erreichen;
die ihre Wünsche regeln wollen durch weltliches Denken, um dadurch Klarheit zu erreichen, sind betörte und betrogene Leute.
Dschuang Dsi
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