Aus:
Bertolt Brecht,
Geschichten vom Herrn KeunerZwei Fahrer
Herr K., befragt über die Arbeitsweise zweier Theaterleute, verglich sie folgendermaßen:
"Ich kenne einen Fahrer, der die Verkehrsregeln gut kennt, innehält und für sich zu nutzen weiß. Er versteht es geschickt, vorzupreschen, dann wieder eine regelmäßige Geschwindigkeit zu halten, seinen Motor zu schonen, und so findet er vorsichtig und kühn seinen Weg zwischen den anderen Fahrzeugen.
Ein anderer Fahrer, den ich kenne, geht anders vor. Mehr als an seinem Weg ist er interessiert am gesamten Verkehr und fühlt sich nur als ein Teilchen davon. Er nimmt nicht seine Rechte wahr und tut sich nicht persönlich hervor. Er fährt im Geist mit dem Wagen vor ihm und dem Wagen hinter ihm, mit einem ständigen Vergnügen an dem Vorwärtskommen aller Wägen und der Fußgänger dazu."
Eine vage Schülererinnerung an diese Geschichte ließ dem 2. Fahrer (nachträglich) eine daoistische Anmutung anhaften und machte den ersten zum Karrieristen.
Das läßt sich m.E. so nicht halten und stellt eine der häufigsten Missverständnisse gegenüber dem Daoismus dar. Die zweite Haltung klingt nach einem sehr harmonischen, ausgeglichenem Konzept - und dürfte im privaten und geistigen Bereich auch gut aufgehoben sein. Aber im Umgang mit "der Welt" ist sicherlich die erstere Haltung angemessener -
Gesetze, Umgangsformen und Wissen haben hier ihren Platz. Und sich ihrer zu bedienen macht den Umgang einfacher, den 'Reibungsverlust' geringer. Beide Haltungen angemessen zu trennen ist zugegebenermaßen eine Herausforderung, aber wer nicht als
kahler Baum auf hohem Berg oder Fußabtreter enden will, ist meines Erachtens gut beraten, sich beider "Arbeitsweisen" zu bedienen.