Herbstfluten - Forum  
07 April 2008, 11:05 *

So schlicht und einfach
Fand sich der Frühling heut ein:
Als Blau des Himmels!

Issa
 

"Herbstfluten" ist ein Kapitel aus dem "Wahren Buch vom südlichen Blütenland" (Nan Hua Zhen Jing) von Dschuang Dsi (Zhuangzi). In diesem Kapitel findet sich die Geschichte vom Brunnenfrosch. Ein Gleichnis auf Menschen, die sich besonders beschenkt oder erleuchtet vermeinen und ihre Erkenntnisse und Lehren laut herausquaken. Ohne dabei gewahr zu werden, dass sie in einem tiefen Brunnenloch sitzen und eigentlich noch gar nichts gesehen haben.

Uns hier im Herbstfluten - Forum interessieren nicht die Brunnen, sondern das Leben - der große Fluss der Dinge. Der Daoismus nach Dschuang Dsi (Zhuangzi) ist keine Religion und auch keine Philosophie, keine fluffige Esoterik und kein seichtes, unverfängliches Gefasel. Es ist eine Haltung. Begleitend zu den Herbstfluten wird zukünftig auch www.maschinenherz.com versuchen Dschuang Dsis (Zhuangzi) Lehre des Weges nachzuzeichnen.

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Autor Thema: Hermann Hesse - Stufen  (Gelesen 2500 mal)
uloki
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« am: 26 Februar 2005, 09:39 »

Zitat
Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden...

Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Hermann Hesse - Stufen

Obwohl ich mit Hesse nicht viel anfangen kann und auch nie konnte (z.B. in meiner Pubertät), hat es mir dieses Gedicht sehr angetan.

Nicht nur mir - John Cage hat es 1989, als Geburtstagsgeschenk für Siegfried Unseld, vertont - zu einem "Autoku". Wie vieles von Cage ist es kaum abstrakt zu vermitteln (ohne Partitur, bzw die Fähigkeit eine solche zu lesen), aber ich hatte das große Glück 2003 in Stuttgart bei einer Nachinszenierung dabeizusein. Ob sie eine genaue Umsetzung war, kann ich nicht sagen - war aber schon sehr beeindruckend.

Ein Klavier und drei Sprecher-Positionen (rund um das Publikum), jedoch nur ein Sprecher, dessen Worte an der einzelnen Position aufgezeichnet und später in die aktuelle gesprochenen Texte eingespielt werden. Der Rezitator hatte ein unglaubliches Timing und eine bewundernswerte Konzentration, mit sich selbst quasi im Kanon zu sprechen. Es werden immer nur Teile des Gedichts gesprochen und zum Ende wogt das Gedicht von drei Seiten auf einen ein, immer in Wellenform - man hört gleichzeitig Fragmente aus verschiedenen Stellen. Das Gedicht ist sozusagen aus seiner linearen Form befreit.

Danach erschien mir Lesen als ziemlich platt - wer also die Gelegenheit hat, das mal live erleben zu können, sollte das unbedingt wahrnehmen.
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Die ihre Natur verbessern wollen durch weltliches Lernen, um dadurch ihren Anfangszustand zu erreichen;
die ihre Wünsche regeln wollen durch weltliches Denken, um dadurch Klarheit zu erreichen, sind betörte und betrogene Leute.
Dschuang Dsi
uloki
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« Antworten #1 am: 28 März 2007, 12:07 »

Und hier noch eine Rezitation der "Stufen" von Heinz Rühmann. Nett, aber m.E. nicht wirklich hervorragend.
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« Antworten #2 am: 02 September 2007, 12:21 »


Nun, ob wir Weltgeist und Evolution mit hineinbringen müssen, stellen wir mal hintan - aber die "Verheißung" post-letaler Räume spricht klar dafür, dass Hesse noch nicht ganz vom Christentum genesen ist. Der Rest klingt mir besser.

Dass die Dinge sich wandeln und nicht von Dauer sind, insbesondere dass der Mensch (wie augenfällig) nicht von großer Dauer ist und mit ihm seine Belange und Beziehungen, ist für den Daoismus so wesentlich, dass hierüber Dschuang Dsi selber spricht, beim Tode seiner Frau.

Zitat von: Dschuang Dsi
Nun trat abermals eine Verwandlung ein, und es kam zum Tod. Diese Vorgänge folgen einander wie Frühling, Sommer, Herbst und Winter, als der Kreislauf der vier Jahreszeiten.

Das aus dem Chinesischem recht hart übersetzte "Nicht-Anhaften" (was eher nach Bratpfannen, als nach Lebensweisheit klingt), hat Hesse ungleich luftiger verkleidet:

Zitat von: Hesse
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne

...

Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.


Mit dem obligatorischem Link auf den Wikipedia-Eintrag "Hermann Hesse" würde ich vorschlagen, diesen Beitrag zu verschieben nach "Daoistisches Denken in westlicher Kultur", zeitlich fällt das wohl unter "Weimar".
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