Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!
Hermann Hesse - Stufen
Obwohl ich mit Hesse nicht viel anfangen kann und auch nie konnte (z.B. in meiner Pubertät), hat es mir dieses Gedicht sehr angetan.
Nicht nur mir - John Cage hat es 1989, als Geburtstagsgeschenk für Siegfried Unseld, vertont - zu einem "Autoku". Wie vieles von Cage ist es kaum abstrakt zu vermitteln (ohne Partitur, bzw die Fähigkeit eine solche zu lesen), aber ich hatte das große Glück 2003 in Stuttgart bei einer Nachinszenierung dabeizusein. Ob sie eine genaue Umsetzung war, kann ich nicht sagen - war aber schon sehr beeindruckend.
Ein Klavier und drei Sprecher-Positionen (rund um das Publikum), jedoch nur ein Sprecher, dessen Worte an der einzelnen Position aufgezeichnet und später in die aktuelle gesprochenen Texte eingespielt werden. Der Rezitator hatte ein unglaubliches Timing und eine bewundernswerte Konzentration, mit sich selbst quasi im Kanon zu sprechen. Es werden immer nur Teile des Gedichts gesprochen und zum Ende wogt das Gedicht von drei Seiten auf einen ein, immer in Wellenform - man hört gleichzeitig Fragmente aus verschiedenen Stellen. Das Gedicht ist sozusagen aus seiner linearen Form befreit.
Danach erschien mir Lesen als ziemlich platt - wer also die Gelegenheit hat, das mal live erleben zu können, sollte das unbedingt wahrnehmen.